Unsere wertvolle Zeit

Mit der reUhr mit Herzchten Hand streicht er flink eine Haarsträhne aus der Stirn und rückt dann seine Lesebrille etwas tiefer auf die Nase. Er wirkt dadurch noch konzentriert bei seinem Tun. Der Tisch liegt voller Zettel und Zeitungsausschnitte. Eine Menge Arbeit. Gleich ist es Mittag. Das will alles erledigt werden – wenigstens sortiert. Wo ist bloß?… ach hier. Er schiebt das Blatt oben rechts langsam nach links, um es dann doch in der Mitte abzulegen. Als die Tür geöffnet wird, hält er inne und blickt gereizt zu der Dame, die freundlich auf ihn zukommt. „Machen Sie doch Pause. Es gibt gleich Mittagessen.“

Um 12:00 Uhr gibt es immer Mittagessen in diesem Haus.

Das Gefühl für die Sinnhaftigkeit seines Tuns hat er schon lange verloren. Doch der Antrieb, diesen riesigen Aufgabenberg täglich zu bewältigen, diese Last spürt er noch immer. Fast so, wie früher in seinem Job. Medizinisch betrachtet ist dieser Mann nicht ganz normal – also krank. Doch das, was er möglicherweise fühlt, ist uns nicht fremd.

Wie viel Zeit verbringen wir mit unnützen Tätigkeiten, deren Umfang und Komplexität in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen für den Unternehmenserfolg und die Gesellschaft stehen? Abverlangt von Datenverarbeitungssystemen oder von Gesetzeswegen. Und selbst dort, wo wir frei entscheiden können, verschwenden wir unsere wertvolle Zeit in Social Media Netzwerken.

Wie viel nichtwertschöpfende Tätigkeiten kann sich unsere Wirtschaft, unser Sozialsystem, unser Staat leisten? Die Kurve geht stetig weiter noch oben mit einer fatalen Eigendynamik. Man könnte sich fast fragen, ob der Patient im psychiatrischen Landeskrankenhaus sich vielleicht sogar „normal“ verhält, weil es draußen auch zur Normalität geworden ist?

Durch die Weiterentwicklung der Automatisierung und die Verbreitung von Computern und Informationssystemen im geschäftlichen wie im privaten Bereich leuchtete eine goldene Zukunft. Diese neuen Arbeitsformen sollten uns von ungeliebten, anstrengenden und ungesunden Tätigkeiten entlasten und mehr freie Zeit ermöglichen. Freie Zeit für die eigentlichen Dinge des Lebens – auch unseres Arbeitslebens. Doch ist das so?

Wieviel Zeit verbringt ein Vertriebsbeauftragter eines Unternehmens an seinem Schreibtisch, befüllt und pflegt Warenwirtschafts- und CRM-Systeme, liest und sortiert hunderte E-Mails oder optimiert mühevoll seinen Monatsrapport im vorgegebenen Präsentations-Lay-out?

Klar, er könnte die Wahrheit sagen und berichten, wofür er die überwiegende Zeit seines hochbezahlten Jobs verschwendet. Nichtwertschöpfende und teilweise sinnlose Tätigkeiten. Denn damit ist keine Leistung und kein Produkt verkauft und erst recht keine Hand eines Kunden geschüttelt worden.

All das ist bekannt, doch es wird ausgeblendet. Und wenn es alle so machen, scheint es normal zu sein. Immerhin, Arbeit entsteht dadurch. Lieber nichtwertschöpfende Arbeit als gar keine Arbeit. So gesehen machen diese Tätigkeiten Sinn. Aber eben nur so gesehen.

Globale Entwicklungen und Megatrends sind wie Riesenfrachter im Ozean. Einmal in Fahrt gekommen sind sie kaum aufzuhalten. Doch auch Frachter lassen sich steuern, wenn der Kapitän und die Mannschaft wissen, wohin sie wollen.

Vielleicht sollten wir uns öfter mal fragen:

  • Wie finden wir das richtige Verhältnis zwischen notwendiger und unnötiger Dokumentation?
  • Wieviel Verantwortung und persönliches Urteilsvermögen wollen wir durch Computersoftware ersetzen?
  • Muss unsere Controllingmanie immer noch weiter getrieben werden?
  • Wollen wir Herr oder freiwilliger Sklave im selbst erschaffenen Informationszeitalter sein?

Klaus E. Acker
www.ganzheitliche-seminare.com


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